Gemeinschaftsschule im Landtag: Ideologische Reflexe statt Lösungen für Bayerns Bildungskrise
Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern kritisiert CSU und Freie Wähler nach Debatte über längeres gemeinsames Lernen
Am 6. Mai 2026 wurde im Bayerischen Landtag erstmals der Gesetzentwurf der Grünen zur Einführung einer Öffnungsklausel für längeres gemeinsames Lernen beraten. Statt sich sachlich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Bildungsgerechtigkeit auseinanderzusetzen, dominierten in den Beiträgen von CSU und Freien Wählern ideologische Abwehrreflexe und Unterstellungen.
Besonders irritierend waren die Aussagen des CSU-Abgeordneten Jungbauer und des FW-Abgeordneten Dr. Brunnhuber, die den Eindruck erweckten, es gebe keine belastbaren Belege dafür, dass gemeinsames längeres Lernen Bildungsgerechtigkeit verbessert. Genau das Gegenteil ist der Fall.
Seit Jahrzehnten zeigen nationale und internationale Studien, dass frühe Selektion soziale Ungleichheiten verstärkt. Schon im Jahr 1982 kam der Bildungsforscher Helmut Fend in seiner umfangreichen Analyse der Gesamtschulversuche zu dem Schluss:
„Die Gesamtschule muss nach dem bisher vorliegenden Ergebnis als die sozial gerechtere Institution beurteilt werden.“
Aktuelle Studien bestätigen diese Erkenntnisse. Der Chancenmonitor des ifo-Instituts zeigt erneut, dass die Bildungschancen im selektiven deutschen Bildungssystem massiv von der sozialen Herkunft abhängen. Gleichzeitig verweist Bildungsökonom Ludger Wößmann ausdrücklich darauf, dass eine spätere Aufteilung der Kinder auf verschiedene Schularten zu größerer Chancengleichheit beiträgt.
Kinder aus der am stärksten benachteiligten Herkunftsgruppe besuchen nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 16,9 Prozent ein Gymnasium – gegenüber 80,3 Prozent in der privilegiertesten Gruppe. Christine Lindner, Sprecherin des Bündnisses Gemeinschaftsschule Bayern: “Und nein, es geht nicht darum, dass jedes Kind aufs Gymnasium muss, wie unterstellt wird. Die Verteilung der Empfehlungen für diese Schulart ist allerdings ein verlässlicher Indikator für ungleiche Bildungschancen. Es ist gesellschaftlich höchst relevant, dass mehr Kinder die Schule gut gebildet verlassen!”
Prof. John Hattie, einer der renommiertesten Bildungsforscher weltweit, erhebt schwere Vorwürfe gegen das deutsche Schulsystem. In einem Interview mit dem „SPIEGEL“ kritisiert er die frühe Aufteilung der Kinder auf verschiedene Schulformen als ineffizient und gesellschaftlich schädlich (News4teachers). Und Bayern, das sich gerne als Bildungsland inszeniert, belegt bei der Bildungsgerechtigkeit den letzten Platz. „Wer ernsthaft über Bildungsgerechtigkeit sprechen will, kann die wissenschaftlichen Befunde nicht länger ignorieren“, kritisiert Dr. Gerald Klenk, Co-Sprecher des Bündnisses. „Die Forderung nach längerem gemeinsamen Lernen kommt nicht nur von den Grünen, sondern von Wissenschaftler*innen, Soziolog*innen und internationalen Expert*innen.“ Daher befremde es außerordentlich, dass die Debatte im Landtag wieder einmal nicht auf der Sachebene geführt, sondern auf ideologische Schlagworte reduziert wurde.
Auch Christine Lindner konstatiert hier Realitätsverweigerung. Diese gelte auch für die – als Gegenargument – oft beschworene Durchlässigkeit des bayerischen Schulsystems. Tatsächlich kommen in Bayern 15 Abstiege aus dem Gymnasium auf einen einzigen Aufstieg dorthin. Alternative Bildungswege glichen die soziale Ungleichheit nachweislich nicht aus (Helbig et al. 2026). „Die Debatte im Landtag hat erneut gezeigt: Statt sich ehrlich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen auseinanderzusetzen, werden sie ideologisch abgewehrt. Wider besseren Wissens verteidigt Bayern die schädliche frühe Selektion. Das Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern unterstützt deshalb ausdrücklich den Vorstoß der Grünen für eine Öffnungsklausel, damit Kommunen und Schulen mit längerem gemeinsamen Lernen endlich auf die Höhe der Zeit kommen können”.
Bildungsgerechtigkeit entsteht nicht durch ideologische Abwehrkämpfe, sondern durch die Bereitschaft, wissenschaftliche Erkenntnisse ernst zu nehmen und erfolgreiche Alternativen auch in Bayern zuzulassen.