Am 24. und 25. April 2026 wurde die Montessori-Schule Dachau zum inspirierenden Zentrum einer längst überfälligen Bildungsdebatte. Als engagierte und wunderbare Gastgeberin bot sie den idealen Rahmen für die Fachtagung „So muss Schule!“ des Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern – zwei Tage voller Fachwissen, Visionen, bewegender Perspektiven und klarer politischer Botschaften.
Die Kernaussagen der gesamten Tagung zogen sich konsequent durch alle Beiträge:
- Bildung heißt Inklusion
- Schule muss IMMER von den Kindern aus gedacht werden.
- Lernen bedeutet mehr als Wissenserwerb
- Längeres gemeinsames Lernen ist unverzichtbar
- Sitzenbleiben gehört abgeschafft
- Noten und frühe Selektion behindern Demokratie und Chancengleichheit
- Schule muss aufrichten statt zu unterrichten
- Wohnortnahe Schulen für alle Kinder müssen selbstverständlich werden
- Verantwortung, Beziehung und Mitbestimmung gehören ins Zentrum moderner Bildung
Kraftvoller Aufruf zur grundlegenden Transformation unseres Schulsystems
Die Tagung war weit mehr als eine klassische Bildungsveranstaltung: Sie war ein kraftvoller Aufruf zur grundlegenden Transformation unseres Schulsystems. In Vorträgen, Diskussionen und Begegnungen wurde deutlich, dass das bestehende selektive Bildungssystem den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit nicht mehr gerecht wird. Wenn Schule junge Menschen stärken, Demokratie fördern und echte Teilhabe ermöglichen soll, braucht es mutige Veränderungen.
Fünf herausragende Referent:innen lieferten dafür eindrucksvolle Impulse: Margret Rasfeld, Reinhard Stähling, Stefan Ruppaner, Tim Wiegelmann und Leonie Feitenhansl zeigten aus unterschiedlichen Blickwinkeln, wie Schule neu gedacht und neu gestaltet werden kann.
Die Moderation der Vorträge und Diskussionsrunden übernahm Tina Uthoff, Vorsitzende des Forum Bildungspolitik in Bayern e.V. Mit ihrer klaren und engagierten Gesprächsführung sorgte sie dafür, dass die vielfältigen Perspektiven der Tagung konstruktiv zusammengeführt wurden.
Margret Rasfeld machte eindringlich sichtbar, wie stark Kinder und Jugendliche unter einem Schulsystem leiden, das häufig auf Anpassung, Bewertung und Konkurrenz ausgerichtet ist. Ihre zentrale Botschaft lautete: „Mut zur Transformation.“ Schule müsse von Grund auf neu gedacht werden – weg von starren Unterrichtsformen, hin zu Potenzialentfaltung, Verantwortung und Zukunftskompetenz. Mit innovativen Konzepten wie dem FREI DAY, Lernformate wie dem Whole School Approach, Herausforderung, Verantwortung oder Deeper Learning sowie ihrer Arbeit mit Schule im Aufbruch und im RealLabor Leipzig zeigte sie konkrete Wege auf, wie Schulen zu Resonanzräumen für nachhaltige Bildung werden können. Besonders spannend: Diese Bewegung ist auch in Bayern angekommen – mit dem RealLabor München entsteht gerade ein regionaler Ort für Bildungsinnovation und Austausch.
Reinhard Stähling präsentierte mit fast fünf Jahrzehnten Schulentwicklung an der PRIMUS-Schule Berg Fidel in Münster ein beeindruckendes Praxisbeispiel dafür, dass echte Inklusion und längeres gemeinsames Lernen erfolgreich funktionieren. Seine Erfahrungen machten deutlich: Gute Leistungen entstehen nicht durch Sitzenbleiben, Ausgrenzung oder ständigem Leistungsdruck, sondern durch die Erhöhung der effektiven Lernzeit via Solidarität, individueller Förderung und das Vertrauen in jedes einzelne Kind. Seine Schule beweist, dass wohnortnahe Bildung für alle Kinder, effektive Lernzeit und inklusive Strukturen nicht nur möglich, sondern hochwirksam sind, auch bzw. gerade auch an Schulen in sozialen Brennpunkten.
Stefan Ruppaner brachte mit seinem provokanten Leitsatz „Unterricht ist aller Übel Anfang“ die Schwächen traditioneller Schulsysteme auf den Punkt. Anhand seiner Erfahrungen mit der preisgekrönten Alemannenschule Wutöschingen (Deutscher Schulpreis 2019 und 2021) zeigte er, dass klassische Unterrichtsmodelle oft Kreativität, Eigenverantwortung und Motivation verhindern. Stattdessen braucht es Lernräume, die projektbasiertes, selbstorganisiertes und fächerübergreifendes Lernen ermöglichen. Sein Beitrag unterstrich die Notwendigkeit eines echten Haltungswandels: Lehrkräfte als Lernbegleiter:innen statt reine Wissensvermittler:innen.
Tim Wiegelmann, Schüler, Bildungsrebell und eindrucksvoller Vertreter einer neuen Generation bildungspolitischer Stimmen, machte in seinem Beitrag auf besonders bewegende Weise klar, wie unverzichtbar echte Inklusion für eine gerechte Schule ist. Als junger Mensch mit eigener Behinderung sprach er aus persönlicher Erfahrung und verlieh seinen Forderungen dadurch besondere Authentizität.
Seine zentrale Botschaft war unmissverständlich: Bildung muss mit Inklusion gleichgesetzt werden. Bildung = Inklusion. Mit seinem Appell „Teil sein sollte normal sein“ machte er deutlich, dass Schule Verbindung schaffen muss statt Ausschluss zu produzieren. Er zeigte eindringlich die strukturellen Barrieren auf, denen junge Menschen mit Behinderung täglich begegnen, und forderte eine Schule, in der Vielfalt selbstverständlich gelebt wird.
Für seine klaren, mutigen Worte erhielt er stehende Ovationen.
Leonie Feitenhansl brachte als innovative Grundschullehrerin und Bildungsinfluencerin einen frischen, praxisnahen Blick auf moderne Schulentwicklung ein. Sie verdeutlichte, wie kreative Lernumgebungen wie das Churermodell, neue Unterrichtsmodelle und professionelle Sichtbarkeit von Schule aktiv zur Veränderung beitragen können. Ihr Beitrag machte Mut, bestehende Strukturen nicht nur zu kritisieren, sondern konkrete, zeitgemäße Alternativen sichtbar zu machen und umzusetzen.
Ein besonders kraftvoller Akzent kam zudem von der Bayerischen Schülerinnen Bewegung, die im Rahmen der Tagung ihre Kampagne „Bildungsbunker machen krank“ vorstellte. Mit sieben zentralen Forderungen machte sie deutlich, dass junge Menschen längst bereit sind, ihre Perspektiven aktiv in die Schulentwicklung einzubringen. Im Mittelpunkt standen dabei weniger Angst und Leistungsdruck, mehr echte Mitbestimmung, die Abschaffung unangekündigter Leistungsnachweise, ein Ende von Sitzenbleiben und früher Selektion, moderne Lernkultur statt autoritärer Strukturen, stärkere psychische Gesundheitsförderung, gerechte Rahmenbedingungen sowie gelebte Inklusion. Die Kampagne machte klar: Schülerinnen wollen nicht länger Objekt eines veralteten Systems sein, sondern aktiv an einer gerechteren Schule mitwirken.
So inspirierend, konstruktiv und lösungsorientiert diese zwei Tage auch waren, blieb ein entscheidender Wermutstropfen bestehen: Die Bayerische Staatsregierung (CSU/FW) sowie das Bayerische Kultusministerium blieben der Fachtagung trotz ausdrücklicher Einladung fern. Gerade jene politischen Verantwortungsträgerinnen, die maßgeblich über die Zukunft des Bildungssystems entscheiden, verzichteten erneut auf die Chance zum offenen Dialog mit Expertinnen, Lehrkräften, Eltern, Schüler*innen und zivilgesellschaftlichen Initiativen.
Dieses Fernbleiben sendet ein problematisches Signal. Während an der Basis intensiv, praxisnah und lösungsorientiert über notwendige Reformen diskutiert wird, bleibt der direkte Austausch mit der politischen Führung bislang aus. Das Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern hält dennoch ausdrücklich an seiner Gesprächsbereitschaft fest. Denn echte Bildungsreformen brauchen politische Verantwortung, Offenheit und den Mut, bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen.
Die Hoffnung bleibt, dass im Bayerischen Kultusministerium endlich erkannt wird, wie dringend notwendig tiefgreifende Veränderungen sind: für mehr Bildungsgerechtigkeit, für echte Inklusion, für psychische Gesundheit und für eine Schule, die Kinder stärkt statt selektiert. Der Handlungsdruck wächst – gesellschaftlich, pädagogisch und menschlich. Wer politische Verantwortung trägt, darf sich diesem notwendigen Wandel nicht dauerhaft entziehen.